Datenanalyse der Bürgermeisterwahl 2021 in St. Veit an der Glan

Die folgende Datenanalyse der Bürgermeisterwahl 2021 in St. Veit an der Glan bringt gleichzeitig einen Vergleich der Ergebnisse seit der Einführung der Direktwahl 1991 in Kärnten mit sich.

Bürgermeisterdirektwahl

Vor 30 Jahren fanden in Kärnten zum ersten Mal getrennte Wahlen zum Bürgermeister und Gemeinderat statt. Damals kandidierte in Klagenfurt noch Leopold Guggenberger (ÖVP), in Villach Helmut Manzenreiter (SPÖ) und in St. Veit an der Glan trat Gerhard Mock (SPÖ) zu seiner ersten Direktwahl an. Obwohl man gehofft hatte, damit einen Anreiz für die Bevölkerung zu schaffen das Persönlichkeitswahlrecht auszuüben, ging die Wahlbeteiligung zurück.

Gerhard Mock trat fünfmal siegreich für die SPÖ bei den Direktwahlen 1991, 1997, 2003, 2009 und 2015 als Bürgermeisterkandidat an. Dabei erreichter er 1997 seinen Höchstwert mit 5.612 Stimmen und seinen niedrigsten Wert 2015 mit 3.490 Stimmen.

Bürgermeisterdirektwahlen in St. Veit an der Glan 1991 – 2021 in abgegebenen gültigen Stimmen

Datenanalyse der Bürgermeisterwahl 2021

Die Bürgermeisterwahlen 2021 haben in St. Veit an der Glan mit den amtierenden Bürgermeister Martin Kulmer (SPÖ) einen klaren Sieger hervorgebracht. Obwohl bereits über zwei Jahrzehnte in der Kommunalpolitik tätig – zunächst als Gemeinderat, dann elf Jahre als Vizebürgermeister und zuletzt knapp ein Jahr als Bürgermeister bezeichnete die Kärntner Krone Kulmer am Tag nach der Wahl als „politischen Newcomer“.

Das Pflänzchen Hoffnung, das mit der Wahl 2015 für die St. Veiter Oppositionsparteien aufkeimte, zumindest die Bürgermeister-Stichwahl zu erreichen, wurde bei der Wahl am 28. Februar 2021 brutal entwurzelt. Folgende Datenanalyse und -interpretation der Bürgermeisterwahl 2021 in St. Veit an der Glan soll dabei nähere Einblicke geben.

Ausgangslage

Seit Beginn der Bürgermeisterdirektwahlen 1991 ist ein Anstieg der Nichtwähler in St. Veit zu verzeichnen. Blieben 1991 nur 21 von 100 Wahlberechtigten der Wahl fern, so waren es 1997 bereits 25 Nichtwähler, 2003 und 2009 waren es 26 bzw. 25. Der absolute Anteil der Nichtwähler erhöhte sich auf Bürgermeisterebene 2015 auf 34 und nun auf 40. Detail am Rande: Bürgermeister Gerhard Mock wurde 2015 nicht ganz von einem Drittel der St. Veiter Wahlberechtigten zum Bürgermeister wiedergewählt.

Ein entsprechender Handlungsbedarf war somit für die Sozialdemokraten gegeben. Im Frühjahr 2020 wurde SPÖ-Vizebürgermeister Martin Kulmer schließlich zum Bürgermeister vom St. Veiter Gemeinderat gewählt. Das die Ära Mock damit nicht beendet war, bewies seine weiterführende Tätigkeit als Geschäftsführer der St. Veiter Stadtholding bis Ende 2020 und der Verkauf des gemeindeeigenen St. Veiter Therapiezentrums.

Für die aussichtsreichsten Kandidaten der Opposition, Vizebürgermeister Rudi Egger von der ÖVP und Stadtrat Herwig Kampl von der FPÖ, lag die Latte hoch, aber es war denkbar, zumindest für Egger die Stichwahl zu erreichen. Trat Egger zum zweiten Mal nach 2015 an, so kandidierte Kampl nach 2009 (BZÖ) und 2015 (FPÖ) zum dritten Mal. Keine Chancen hatte bereits im Vorfeld der Bürgermeisterkandidat der Grünen, Gemeinderat Klaus Knafl.

Bürgermeisterkandidaten in St. Veit an der Glan seit Einführung der Direktwahl 1991 in Kärnten.

SPÖ-Kandidat Martin Kulmer

Bürgermeister Martin Kulmer hat seinen Amtsbonus während der laufenden Corona-Pandemie seit dem Frühjahr 2020 voll ausgespielt. Vor allem aber wirkte das “neue” und anscheinend der weiteren Öffentlichkeit unverbrauchte Gesicht. Somit wurde auch eine nach außen hin klare Abgrenzung gegenüber Alt-Bürgermeister Gerhard Mock und Erneuerung demonstriert.

Schlussendlich lag Kulmers persönliche Stimmenanzahl von 4.110 Stimmen um 422 Stimmen über dem SPÖ-Gemeinderatswahlergebnis. Ein an und für sich typisches Resultat für einen St. Veiter SPÖ-Kandidaten, dessen persönliche Resultate immer über den Wahlergebnissen seiner Partei lagen.

Differenzwerte der SPÖ-Bürgermeisterkandidaten zu den SPÖ-Gemeinderatswahlergebnissen 1991 – 2021 in Prozentpunkte der gültigen Stimmen

Dies beweist auch, dass die jeweiligen SPÖ-Kandidaten im großen Stil von Wählerinnen und Wähler anderer Parteien akzeptiert wurden. Wohl auch dran scheiterte die ÖVP, die von 1991 bis 2015 bei fünf Bürgermeisterwahlen mit vier verschiedenen Kandidaten antrat. Immerhin erreichte Kulmer bei seinem ersten Antreten das viertbeste SPÖ-Resultat in abgegebenen gültigen Stimmen seit 1991. Mit 40 aus 100 erreichte Kulmer 2021 allerdings das zweit schlechteste Ergebnis für einen SPÖ-Kandidaten in der Akzeptanz aller Wahlberechtigten.

Differenz der SPÖ-Bürgermeisterkandidaten und SPÖ-Gemeinderatswahlergebnisse 1991 – 2021 auf 100 St. Veiter Wahlberechtigte

ÖVP-Kandidat Rudi Egger

Für ÖVP- Bürgermeisterkandidaten Rudi Egger scheint das Ergebnis auf den ersten Blick in der Datenanalyse der Bürgermeisterwahl in St. Veit mehr als eine schwere Niederlage zu sein. Aber er ist der einzige SPÖ-Gegenkandidat, der bei seinen beide Antreten 2015 und 2021 jeweils über 20% der gültigen Stimmen gekommen ist. Zumindest seit Einführung der Direktwahl 1991 ist auch kein anderer ÖVP-Kandidat an diese Ergebniszahlen nur annähernd herangekommen.

Wie schaut es bei der ÖVP mit der Differenz zu den Parteistimmen seit 1991 aus:

Differenzwerte der ÖVP-Bürgermeisterkandidaten zu den ÖVP-Gemeinderatswahlergebnissen 1991 – 2021 in Prozentpunkte der gültigen Stimmen

Während bei der SPÖ im Vergleich Bürgermeisterwahl gegenüber Gemeinderatswahl als niedrigste Wert ein Plus von 3,50%-Pkte. bei der Wahl 2015 zu Buche steht, lagen bei der ÖVP Spendier 1991 um -4,83%-Pktem und Lassnig 2003 um 5,30%-Pkte. hinter dem ÖVP-Gemeinderatswahlergebnis. Rudi Egger lag 2015 um 2,58%-Pkte. vor und 2021 nur -0,77%-Pkte. hinter dem Gemeinderatswahlergebnis. Das zeigt für eine geschlossen Bindung der ÖVP-Kandidaten an den Spitzenkandidaten und darüber hinaus.

Die Differenz in absoluten Stimmen auf 100 Wahlberechtigte zwischen den ÖVP und SPÖ-Kandidaten von 1991 bis 2021

Interessant ist auch der Ergebnisvergleich bei den Bürgermeisterwahlen zwischen ÖVP und FPÖ bzw. BZÖ. (Anm.: Die BZÖ-Ergebnisse aus 2009 werden hier als FPÖ-Ergebnisse gewertet.) Dieser Vergleich zeigt deutlich den Paarlauf zwischen der ÖVP und FPÖ in den letzten drei Jahrzehnten um den zweiten Platz in St. Veit. Dieser spiegelt auch die Diskrepanz im städtischen „bürgerlichen Lager“ der Neunziger und dem ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre wider. Erst Rudi Egger schaffte es bei seinem zweimaligen Antreten deutlich vor den FPÖ-Kandidaten, in beiden Fällen Herwig Kampl, zu liegen. Bei der Wahl 2015 mit einem Abstand von 15,56%-Pkten. und 2021 mit 12,67%-Pkten.

Differenz zwischen den ÖVP- und FPÖ/BZÖ-Kandidaten (Petschacher 1991 bis 2003, Kampl 2009 bis 2021) in Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen

FPÖ-Kandidat Herwig Kampl

Stadtrat Herwig Kampfl trat 2021 zum dritten Mal als freiheitlicher Kandidat in St. Veit an. Bei seinem ersten Antreten 2009 lag er noch knapp vor der ÖVP. Zwölf Jahre später hat Kampl 2021 die Hälfte dieser Wählerschaft verloren und erzielte das schlechteste FPÖ-Ergebnis seit Einführung der Bürgermeisterdirektwahl.

Für Kampl votierten 2021 nurmehr 499 Wählerinnen und Wähler. Das waren um 350 Stimmen weniger als 2015 und um 597 weniger als 2009. Insgesamt war es das schlechteste Ergebnis eines FPÖ-Kandidaten seit Einführung der Bürgermeisterdirektwahl. Den Rekordwert von 1.111 Stimmen Petschachers aus 1991 verfehlte Kampl 2009 allerdings um nur 15 Stimmen.

Grün-Kandidat Klaus Knafl

Gemeinderat Klaus Knafl trat seit 2003 zum vierten Mal als Bürgermeisterkandidat an und erzielte mit 2,52% sein schlechtestes Wahlergebnis. Von100 Wahlberechtigten votierte nur ein St. Veiter für den Grünen Kandidaten. In den Jahren 1991 und 1997 stellten die Grünen in St. Veit keinen Bürgermeisterkandidaten.

Bürgermeisterdirektwahlen in St. Veit an der Glan 1991 – 2021: von 100 Wahlberechtigten votierten für…

Zusammenfassung und Ausblick

Im Gegensatz zu 2015, als Gerhard Mock weniger Stimmen erzielte als Wähler zu Hause blieben, gab es 2021 einen gerundeten Gleichstand. Vierzig von hundert Wählerinnen und Wähler blieben der Wahl fern bzw. votierten für Kulmer als Bürgermeister.

Wie zuletzt 2015 gaben auch 2021 drei von 100 Wählern eine ungültige Stimme ab. Somit stellen Nichtwähler und Ungültige Stimmen die relative Mehrheit mit einem Wert von 43. Der höchste Wert seit Einführung der Direktwahl der St. Veiter Bürgermeister 1991.

Ein durch die Corona-Pandemie bedingter relativ ruhiger Wahlkampf brachte einen klaren Sieger hervor. Bürgermeister Martin Kulmer war seit Sommer 2020 mit Aktivitäten am sichtbarsten in der Öffentlichkeit und startete bereits eine Woche vor Weihnachten in den „Plakatwahlkampf“.

Seitens der Opposition blieben medienwirksame und längerdauernde Angriffe auf Kulmer fast zur Gänze aus. Auch die Aufregung um das im Herbst verkaufte Therapiezentrum verpuffte und spielte bis auf die ORF-Diskussion der Spitzenkandidaten keine Rolle. Obwohl Kulmer keine wirklich neuen Ideen und spritzige Themen brachte – außer “bereit zu sein”, konnten seine Gegenkandidaten ihre Ideen für St. Veit anscheinend nicht entsprechend positionieren.

Die von Kulmer gewonnen 68,24% der abgegebenen gültigen Stimmen geben ihm ein persönliches Pouvoir nach Innen und Außen. Jedoch sind es nur 40 aus 100 St. Veiter Wahlberechtigten die Kulmer zum Bürgermeister gewählt haben. Die steigende Zahl der Nichtwähler muss dabei allen Parteien Sorge bereiten. Diese könnte trotz Bundespolitik und Corona-Pandemie aber auch hausgemacht sein.

Die Bürgermeisterwahlen 2027 sind noch nicht gewonnen und am Horizont auftauchende neue Gegenkandidatinnen und -kandidaten lassen auf spannende Zeiten warten.

Bürgermeisterdirektwahlen in St. Veit an der Glan 1991 – 2021 in Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen.

ANMERKUNG: Dies ist der erste stark gekürzte und textlich adaptierte Teil meiner internen Datenanalyse der Gemeinderats- und Bürgermeisterwahl 2021 in St. Veit an der Glan. Ein zweiter Teil zu den Gemeinderatswahlergebnissen wird in den nächsten Tagen online gestellt.